PETER DER GEWALTIGE

Repräsentativer amerikanischer 4-Teiler zur Weihnachtszeit über den Zaren Peter den Großen

Gewaltig, wie in solchen Fällen üblich, sind die Dimensionen des Unternehmens: 9 Monate Drehzeit in mehreren Ländern, 27 Mio.$ Budget, illustre Schauspieler mehrerer Nationen, 40C Kälte, 145 Stunden Filmmaterial, 3 Emmies, Pulitzer-Preis für die als Drehbuchgrundlage dienende Biographie von R. K. Massie, Prozeß eines der beiden Regisseure gegen den Produzenten, usw.

Die Serie schildert den mühsamen Weg Peters (1672-1725) zur Macht. Lange Jahre muß er sich gegen die Regentin Sophia (Vanessa Redgrave) behaupten, ehe er selbst die Regierungsgeschäfte führen kann. Seine Reformen stoßen auf Widerstand, zumal, als er nach Westeuropa reist. Ein Aufstand allerdings zwingt ihn zur sofortigen Rückreise, und er nimmt in Rußland blutige Rache. Auch seine Liebesbeziehungen verlaufen wechselhaft. Die politisch aufgezwungene Ehe mit Jewdokija steht wegen der Frigidität der Frau nur auf dem Papier. Anna Mons und das Bauernmädchen Martha werden seine Geliebte. Sein Sohn Alexej erweist sich als allzu sensibler, schwacher Nachfolger. Seine Abneigung gegen den Vater bringt ihn Verdacht des Hochverrats, und er stirbt unter der Folter. Was Peter überdauert, ist die Stadt Petersburg, die er 1703 gründet.

Der Zuschauer bekommt also etwas geboten für sein Geld und kann sich darüber hinwegtrösten, was er nicht sieht. Er sieht nicht, welche Szenen Erstregisseur Schiller gedreht hat, die dann als zu künstlerisch und zu filmisch vom Zweitregisseur Chomsky im Namen des Produzenten NBC weggeworfen wurden. Er sieht nicht, welche - in der Geschichtsschreibung z.T. sehr geläufigen und bildträchtigen - Episoden nicht verwendet wurden, nur weil sie zu originell und geistvoll gewesen wären. Er nimmt kaum wahr, daß Szenenfolge und Schnitt (bis in Sekundenzählerei hinein) nunmehr ausschließlich und erklärtermaßen dem Diktat des amerikanischen Fernsehens mit seiner Jagd nach der Einschaltquote unterworfen sind. Er weiß nicht, daß des Zaren freizügiger Umgang mit Mätressen und Geliebten nur deswegen nicht zu sehen ist, weil während der Dreharbeiten zufällig eine US-Umfrage einen Trend zur Treue in zwischenmenschlichen Beziehungen ermittelt hat.

Chomskys Visitenkarten zieren u.a. die glatten Erfolgsserien Holocaust und Roots; Titel weiterer Filme sprechen für sich: Attack on Terror, Tank, und Victory at Entebbe. Von seiner (milde ausgedrückt) unpersönlichen Arbeitsweise kann Max. Schell einiges erzählen.

Was der Zuschauer sieht, ist, daß Schurken schurkisch aussehen und die Guten edelmütig sind, der Zaudernde häßlich, die Bojaren dumm oder verräterisch, der Klerus reaktionär. Aber man soll nicht ungerecht sein. Der Zuschauer lernt auch dazu: eine Hinrichtungsart jener Zeit war das Eingraben im Boden; daß die Zarin einem solchen Opfer den Tod durch Erschießen verschaffte, wurde als Gnade empfunden. Der Zuschauer darf sich wie Zarewitsch Alexej fühlen, den Peter belehrt: du mußt lernen, stark zu sein. Und der Zar köpft eigenhändig ein halbes Dutzend Hochverräter. Warum? In dieser Zeit der Gewalt gibt es nur eine Waffe: die Gewalt. Ähnlichkeiten mit lebenden starken Männern, z.B. im Lande der NBC, sind natürlich rein zufällig. An diesem Zaren kann man nämlich lernen, wie man sich gegen eine Welt von Ignoranten und Feinden behauptet. Läßt Peter doch eine Flotte bauen, ohne überhaupt einen Hafen zu besitzen. Das ist Innovation; man zeigt es denen, die gegen den Fortschritt sind.

Der Herrscher bringt persönliche Opfer für die Wohlfahrt seines Volkes: Alexej läßt er als Hochverräter unter der Folter sterben, die frigide Ehefrau Jewdokija, die schon aus weiblicher Gekränktheit opponiert und ihm Alexej entfremdet, ins Kloster verbannt. Undank und Haß sind des Aufkläreres Lohn.

Nochmals: man soll nicht ungerecht sein. Wir haben das Vergnügen, großartige, auch deutsche Schauspieler zu sehen - Schauspieler, die sich in anderen Film als großartig erwiesen haben: Max. Schell in der Titelrolle, Hanna Schygulla, Lilli Palmer, Helmut Griem, Jan Niklas, Lawr. Olivier, Trevor Howard, u.v.a. Wir können dankbar sein, daß ein wichtiges Stück europäischer Geschichte einem Massenpublikum vermittelt wird und vielleicht ein wenig Völkerveständigung leistet. Und doch bleibt es merkwürdig, daß solche (Ko-)Produktionen immer auf dem niedrigsten inhaltlichen und ästhetischen Niveau, nämlich dem des US-Fernsehens, verharren müssen.